20 Jahre Alzheimer Gesellschaft Kiel e.V.

Johannes Pries und Leonie Vriek

Angenehme Livemusik im Hintergrund, ein leckeres Büffet im Vestibül, Lächeln, Lachen, herzliche Umarmungen zur Begrüßung – die Alzheimer Gesellschaft Kiel e.V. feierte im Kulturzentrum ihren bemerkenswerten 20. Geburtstag mit Ehrenamtlichen und Profis, mit Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen, mit Bürgerinnen und Bürgern – und mit dem Festredner Dr. Henning Scherf.

Dr. Henning Scherf stellte noch vor Beginn klar, dass er bewusst nicht auf sein Honorar verzichte. Es werde der Stiftung „pan y arte“ zugutekommen, die sich der Straßenkinder in Nicaragua annimmt und deren Stiftungsvorstand er seit nunmehr zehn Jahren ist. Bemerkenswert war bereits das Datum dieses Jubiläums: Es fiel genau auf den Welt-Alzheimertag mit seinem Motto „Jung und Alt bewegt Demenz.

Die strahlenden jungen Musiker auf dem Podium, zwei frischgebackene Abiturienten des Ernst-Barlach-Gymnasiums, waren quasi der blühende Beweis. Die Veranstaltung startete mit drei Grußworten.


Grußworte

Ralf Labinsky, Vorsitzender Landesverband Alzheimer Gesellschaft

Marion Karstens, die Vorsitzende, sprach in ihrem sogleich den größten Wunsch des Vereins aus: Viele neue Ideen warten auf Verwirklichung durch viele ehrenamtliche Helfer. Es fehlen vor allem Menschen, die eigenständig Angebote durchführen. Beschäftigungsangebote, Kreativange-bote, Patenschaften, die bunte Vielfalt der Kleinfingerprojekte. Und sie versicherte: Wer ehrenamtlich seinen kleinen Finger reiche, dürfe hier sicher sein, seine Hand zu behalten.

Sozial-Stadtrat Gerwin Stöcken hatte auf ein „fremdgeschriebenes“ Manuskript verzichtet, berichtete stattdessen von Erlebnissen aus seinem Stadtteil und dankte allen, „die sich einsetzen, dass das Verständnis wächst. Nur durch „Menschen, die uns erden“ werde die Stadt für alle lebenswert bleiben.

Ralf Labinsky, Vorsitzender der Alzheimer Gesellschaft Schleswig-Holstein, richtete den Blick auf den gerade  im Landtag diskutierten Demenzplan und auf die so notwendige flächendeckende Versorgung von Menschen mit Demenz. 8,5% der über 65jährigen sind von der Krankheit betroffen. Jeder vierte werde ausschließlich von Angehörigen betreut. Dem Verbleib im vertrauten Zuhause komme oberste Priorität zu. Sein willkommenes Geschenk für die Gastgeber: drei Fortbildungen vom Kompetenzzentrum Demenz nach Wunsch.


Rückblick - 20 Jahre Alzheimer Gesellschaft Kiel e.V.

Marion Karstens hatte in ihrem Rückblick auf 20 Jahre Alzheimer Gesellschaft Kiel e.V. vielen Professionellen und Ehrenamtlichen für großartige und langjährige Arbeit zu danken. Allen voran Rita Erlemann, Diplompsychologin,  und Dr. Silke Kraus, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, die damals Angehörige ermunterten, mit ihnen den Verein  zu gründen, um Selbsthilfe zu fördern, Angebote zu verbessern und die Öffentlichkeit zu informieren. Beide sind bis heute starke, zuverlässige Stützen der täglichen Arbeit. Die elf ersten Jahre dann verkörperte Heinz Jansen als Vorsitzender die Alzheimer Gesellschaft Kiel. Sein privates Wohnzimmer diente als Beratungsraum, Sprechstunden liefen über seine private Telefonnummer. An seiner Seite stand von Anfang an Dr. Friedemann Simon, der nunmehr seit 20 Jahren stellvertretender Vorsitzender ist! Gab es zunächst „nur“ Kaffeenachmittage für Betroffene und ihre Angehörigen, Filmvorführungen mit Diskussion in der „Pumpe“ und Gottesdienste, so kamen nach und nach in Kooperation mit der AWO fünf Betreuungsgruppen hinzu.

Ein Höhepunkt der Jahreszeitenfeste  ist seit 2004 das Sommerfest auf dem Hof Thomsen in Rönne.  2004 startete auch das vom Land geförderte und vom AWO Landesverband koordinierte Projekt „Wohnberatung und Wohnraumanpassung für Menschen mit Demenz und deren Angehörige“ (WOPA). Seit die Förderung nach sechs Jahren auslief, führt Marion Karstens die telefonischen und häuslichen Beratungen ehrenamtlich fort. „Wir waren bislang in ca. 100 Haushalten“. 2007 übernahm Marion Karstens den Vorstandsvorsitz. Ihre Privatsphäre  hielt sie allerdings privat. Im Jahre 2008 konnte der e.V. eine ehemalige Zahnarztpraxis in der Gneisenaustraße von der ev. methodist. Kirchengemeinde anmieten. Heute wechselt sich ein Dreierteam zu den Sprechzeiten ab, auch das Angebot wurde ausgeweitet: im monatlichen „Treffpunkt Demenz“ wurden seit 2008 über 100 Verträge gehalten, im gleichen Jahr startete auch der Gesprächskreis für Angehörige von Heimbewohnern, zwei Jahre später mit Hilfe des KMTV eine Bewegungsgruppe für Men-schen mit Demenz. Sie wird heute mit einer eigenen Rehagruppe fortgeführt. Die beiden jüngsten Projekte sind die Handwerkergruppe auf Hof Akkerboom und das Café Sonnenschein in Kooperation mit dem Kulturladen Leuchtturm.

Alles spezialisierte Angebote „in geschützten Räumen“. Aber Inklusion wäre vielerorts machbar, ist die Vorsitzende überzeugt. „Durch Öffentlichkeitsarbeit versuchen wir, in der Bevölkerung Verständnis für die Krankheit zu wecken, mehr Akzeptanz für ungewöhnliche (irritierende) Verhaltensweisen zu erreichen, Berührungsängste abzubauen und die Hilfsbereitschaft zu fördern“. „Demenzpartner“ heißt ein neues Projekt des Bundesverbandes, dem  sich die Kieler Alzheimer Gesellschaft angeschlossen hat. Demenzfreundlich, so Marion Karstens, heißt für uns nichts anderes als menschenfreundlich. Erst zum Schluss kam sie noch auf ein drängendes Problem des Vereins zu sprechen: „Ehrenamt braucht Rückhalt und Koordination. Wir bräuchten dringend hauptamtliche Unterstützung von der Stadt, die Netzwerkarbeit übernimmt, für Öffentlichkeitsarbeit wirbt und diese koordiniert.“


Henning Scherf als Festredner

Dr. Henning Scherf und Marion Karstens

Henning Scherf, der Festredner, strahlt auch mit 78 Jahren noch eine ungeheure Lebensfreude und Energie aus. „Wunderbar!“ ruft er begeistert zu Beginn, „Wunderbar, dass Sie sich alle nach 20 Jahren noch mögen!“ Und dann singt er das Hohe Lied der Ehrenamtlichkeit: Sie bringe Struktur in den Alltag, halte lebendig, mache das Leben reich. Natürlich, wenn es zu schwierig wird, schränkt er ein, müssen Profis ran. Demenz entsteht für ihn, wenn der Kopf schneller altert als der Körper. Sein Rezept für den Umgang mit dementen Menschen: Herausbekommen, was sie noch können und dann: Mitmachen lassen! Er hat spannende Dinge aus der Praxis zu erzählen. Von einer Ausstellung in der Bremer Kulturkirche, in denen ein Miró zwischen Bildern von Demenzkranken hing – und nicht erkannt wurde. „Eine Riesenresonanz hatten wir. Für die Menschen mit Demenz ein Schritt in die Zivilgesellschaft. Wir wollten zeigen, dass sie eine Bereicherung sind.“

Sein Hauptthema: Leben in der Wohngemeinschaft alternativ zum Heim, für ihn die ideale Wohnform eines Lebens mit Demenz. 15 WGs hat er selber getestet, hat dort bis zu drei Wochen gelebt. WGs, in denen durchschnittlich zehn Menschen leben, jeder Bewohner sein eigenes Appartement mit Nasszelle bewohnt, wo man in der großen offenen Küche im Mittelpunkt gesellig zusammen kocht. Und wo die weniger Behinderten den anderen helfen. Wichtig sei ein großer Nutzgarten, wichtig seien auch Tiere. Und ganz wichtig sei, dass die Angehörigen mitmachten. Ideal seien daher in der Nachbarschaft Altenwohnungen für den Partner. - Aber auch eine Grundschule. In einer „seiner“ WGs essen Schulkinder mittags gemeinsam mit den Bewohnern.  Henning Scherf schwärmt von seiner Lieblings-WG, wo im Erdgeschoss zwei Ärzte ihre Praxen betreiben. Immer abwechselnd essen sie mit den Bewohnern zu Mittag. Scherf freut sich:“Ist das nicht praktisch? Da erledigen die in der halben Stunde gleich ihre Hausbesuche mit.“

Dann wird es emotional. Denn „wir sind überwiegend rational, bei den Menschen mit Demenz ist es umgekehrt.“ Malen und Singen sei daher ungeheuer wichtig und die alten Volkslieder ein wahrer Schatz. Er berichtet, wie er als Teenager schwer verliebt war in eine Schauspielerin des Bremer Theaters, sich aber natürlich nie getraut hatte, diese Verliebtheit zu äußern. Und wie er seine Angebetete nun als Bewohnerin in einer seiner WGs wiedertraf, wo sie über alte Zeiten reden und heute eng befreundet sind.

Es gab einen heiterer Ausklang einer schönen Veranstaltung mit ernstem Hintergrund.

 

Text: Barbara Kotte